Fred @ School

2 – Filmdiskussion: Filmkritik, Filmklubs und Filmkompetenz #FilmLiteracy

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Über Filme kann man auch diskutieren. So kann auch ein normaler Zuschauer zum Filmkritiker werden.

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(Normale Zuschauer versus kritische Zuschauer)

Filme sollten in erster Linie einen Filmgenuss darstellen. Keine Frage. Aber man kann auch über Filme diskutieren. So kann auch ein normaler Zuschauer zum Filmkritiker werden.

Augusto Sainati und Massimiliano Gaudiosi zufolge sehen gewöhnliche Zuschauer Filme mit einer passiven, abwesenden und naiven Haltung an. Sie sind vornehmlich an der Handlung interessiert, und tauchen in die Welt des Films ein. Filmkritiker hingegen haben eine aktive, technische und interpretierende Haltung. Sie versuchen, die Beziehungen zwischen den einzelnen Filmelementen, sowie die Logik hinter dem Gesamtgefüge dieser Elemente, zu durchleuchten. Sie sind wie Detektive: sie überprüfen Fakten und liefern Interpretationen in Form von Rezensionen oder wissenschaftlichen Artikeln.

(Rezension versus Artikel)

Doch was ist der Unterschied zwischen Rezensionen und wissenschaftlichen Artikeln? Und was bedeutet es, über einen Film zu schreiben? Beschreiben, analysieren, interpretieren oder evaluieren?

David Bordwell, Experte in Filmwissenschaft, beantwortet uns die zweite Frage. Die Filmbeschreibung umfasst die Zusammenfassung der Filmhandlung, Szenenbeschreibungen, und die Beschreibung schauspielerischer Leistungen, der Musik und des Szenenbilds. Die Beschreibungen können mehr oder weniger objektiv bzw. subjektiv sein.

Bei der Filmanalyse hingegen wird nach einer Erklärung gesucht, wie sich die einzelnen Teile zum Filmganzen zusammenfügen. Zählt man die einzelnen Einstellungen einer Szene der Reihe nach auf, entspricht dies einer einfachen Beschreibung. Doch setzt man die Funktionen der einzelnen Elemente zueinander in Beziehung und klärt den größeren Zusammenhang, so spricht man von Filmanalyse. Bei der Interpretation wird die globale Bedeutung eines Films erörtert. Und bei der Filmbewertung wird die Qualität eines Films evaluiert.

Nun zum Unterschied zwischen Rezension und wissenschaftlichem Artikel. Eine Rezension ist die Kurzbeschreibung eines Films für eine breite Zielgruppe, die den Film nicht kennt. Rezensionen thematisieren aktuelle Filme, und haben daher Neuigkeitswert. Sie sind eine Form des Journalismus. Meist beinhalten Rezensionen eine kurze Beschreibung der Filmhandlung (ohne zu viel zu verraten), nur wenig Filmanalyse (dafür ist kein Platz), etwas Interpretation, und viel Filmbewertung. Denn es ist die Meinung des Filmkritikers, die uns an einer Rezension interessiert, bevor wir einen Film ansehen.

Im Gegensatz zur Rezension sind wissenschaftliche Artikel wesentlich länger. Außerdem setzen sie voraus, dass der Leser den Film bereits gesehen hat. Sie verhelfen zu einem besseren Verständnis des Films. Wissenschaftliche Artikel können eine kurze Filmbewertung und -beschreibung enthalten. Doch in der Hauptsache analysieren und interpretieren sie einen Film. Anders als bei Rezensionen geht es nicht darum festzustellen, ob ein Film gut ist oder nicht, sondern warum er gut ist oder nicht.

Rezensionen und Artikel wurden einst von Filmkritikern und Akademikern in Zeitungen und Filmzeitschriften veröffentlicht (auch in Fernsehprogrammen). Heute bietet auch das Internet eine enorme Plattform hierfür, wo tausende von Laien und Professionellen über Filme schreiben.

(Filmklubs)

Bis jetzt haben wir die individuelle Filmanalyse betrachtet, doch Filme können auch öffentlich, in der Gruppe, analysiert werden. Dies geschieht unter anderem in Schulen oder Filmklubs.

Filmklubs sind Vereinigungen, die Vorführungen von Filmen abseits des Mainstream-Kinos organisieren. In Spanien, Irland und Italien werden sie „Cine Clubs“ genannt. Die ersten Filmklubs wurden in Frankreich und dem Vereinigten Königreich in den 1920er-Jahren gegründet. Kanada und Deutschland folgten in den 1930er und 1940er-Jahren. In Ländern wie Spanien, die über 40 Jahre hinweg durch Francos Zensur stillgehalten wurden, waren Filmklubs ein Beispiel der sozialen Bewegung von unten. Sie waren sehr aktiv, boten Raum zur Debatte und verbreiteten alle Arten von Filmen, die von der Diktatur verboten waren.

Diese Vorführstätten sind Foren zur Diskussion von Filmen, die entweder als Einführung vor dem Film oder im Anschluss darin als Fragerunde stattfindet. Hier entsteht oftmals ein Meinungsaustausch zwischen Publikum und Filmemacher. Drei der berühmtesten Filmklubs sind Cinema 16, die Cinémathèque Française, und die Film Society of Lincoln Center.

Heutzutage finden öffentliche Diskussionen von Filmen auch außerhalb der Filmklubs statt, z. B. in Multiplex-Kinos oder in Kinos, die Vorträge und Fragerunden mit Filmemachern organisieren. Diese Art der Veranstaltung ist für die Förderung der Filmkompetenz bei Erwachsenen abseits des schulischen Kontexts inzwischen unverzichtbar geworden.

(Filmkompetenz)

Und zu guter Letzt: Wo steht die Filmbildung in Schulen?

Filme können in der Schule in verschiedenen Fächern eingesetzt werden: Geschichte, Fremdsprachen, Gemeinschaftskunde, Mathematik, Musik, Sport, Theater, usw. Doch können Filme auch zur Förderung der Filmbildung, oder Filmkompetenz, eingesetzt werden. Im Vereinigten Königreich hat das British Film Institute erst kürzlich ein internationales Projekt abgeschlossen, das sich mit der Frage beschäftigte, wie in Europa die Filmbildung geschieht und was dabei verbesserungsfähig ist.

Das Projekt definiert Filmbildung anhand folgender Kriterien:

  • – das Niveau bezüglich des Verständnisses eines Films,
  • – die Fähigkeit zur bewussten und neugierigen Filmauswahl,
  • – die Kompetenz zur kritischen Betrachtung eines Films und zur Filmanalyse bezüglich Inhalt, Filmkunst und Filmtechnik,
  • – die Fertigkeit, Filmsprache und Filmtechnik zu manipulieren, und kreativ bewegliche Bilder zu produzieren.

Kurz gesagt: Wenn Sprachkompetenz die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben darstellt, so ist Filmkompetenz die Fähigkeit, einen Film kritisch zu verstehen und bewegliche Bilder zu kreieren.

Und wie Martin Scorsese sagte: im Medienzeitalter sollte dies nicht ein Privileg, sondern ein Recht sein.

Dieses Projekt und die Worte, die Sie gerade gehört haben, sind ein weiterer Schritt, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Produktionspartner: University of Roehampton http://www.roehampton.ac.uk/home/
Sprechtalente: Dirk Ploenissen, Linda Christine Hermes
Musik: Bensound – Brazilsamba (Composed and performed by Bensound http://www.bensound.com)

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