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4 – Filmsprache #FilmLiteracy

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Filmemacher schaffen bei ihrer Arbeit eine spezifische Sprache. Aber die Filmsprache stellt auch eine eigenständige Sprache dar, die eigenen Regeln folgt.

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Alle Fachleute, die an der Filmproduktion beteiligt sind, tragen jeweils in ihrem spezifischen Fachgebiet zur Entstehung der Filmsprache bei. Diese Sprache entleiht Elemente aus anderen Künsten, wie Literatur, Malerei, Bildhauerei, Architektur, Musik und Theater. Aber sie stellt auch eine eigenständige Sprache dar, und befolgt eigene Regeln.

Der amerikanische Filmemacher Martin Scorsese spricht von mindestens sechs Elementen, die die Filmsprache ausmachen: Worte, Bewegung, Licht, Ton, Zeit und das Auge des Zuschauers.

(Drehbuch)

Worte haben mit der Handlung und den Dialogen zu tun, mit dem Drehbuch also. Es gibt fast so viele Geschichten wie Filme. Was sie meistens gemein haben, ist, dass einer oder mehrere Filmfiguren etwas Bestimmtes wollen, dabei auf ein Hindernis stoßen, und schließlich eine Lösung finden. Diese Geschichten werden oft in drei Teilen erzählt, bekannt als 3-Akte-Theorie: Im ersten Akt (Exposition) werden die Filmfiguren und die Handlung eingeführt; im zweiten Akt (Konfrontation) entwickelt sich die Handlung, und die Filmfiguren setzen sich mit bestehenden Problemen auseinander; im dritten Akt (Auflösung) kommt der Film zum Abschluss, das kann ein „happy end“ sein, oder auch nicht.

Wie in Geschichten, haben auch die meisten Drehbücher Dialoge. Auch in der Literatur sind Dialoge unverzichtbar. Doch während in Büchern der Schriftsteller alles Mögliche beschreiben kann (Handlungen, Gedanken), muss der Drehbuchautor Mittel finden, Informationen durch Handlungen der Filmfiguren darzustellen, nicht nur durch Worte. Die Ausnahme bildet der Einsatz eines Voice-Over-Erzählers. Die meisten Drehbuchautoren halten sich an die goldene Regel: darstellen, nicht erzählen.

Verstößt man gegen diese Regel, kann ein forcierter Dialog entstehen – ein wesentliches Problem in vielen Filmen. Ein Beispiel hierfür ist der Monolog des Täters, bevor er den Protagonisten des Films tötet, in dem er seine Beweggründe ausführlich schildert. Oder wenn zu Beginn eines Films zwei Geschwister sich mit „Bruder“ oder „Schwester“ anreden. Die Dialoge sind nicht glaubhaft. Die Filmfiguren sagen, was gesagt werden muss, damit der Zuschauer die notwendige Information erhält, und dem Film folgen kann. Ein guter Autor oder Filmemacher braucht diese Art Dialoge nicht, um Information zu vermitteln. Ein einfaches Beispiel: Zu Filmbeginn ruft eine Filmfigur eine weitere an und sagt: „Ich bin’s“, worauf der Angerufene lächelt. Es besteht kein Bedarf, die Namen der Filmfiguren zu nennen und sie auf unnatürliche Weise reden zu lassen. Der Zuschauer versteht auf Grund der Szene trotzdem, dass sich die beiden sehr gut kennen.

(Bewegung und Licht)

Genauso wie Worte, braucht ein Film auch Bewegung, Licht, Ton, Zeit und die Augen des Zuschauers.
Bewegung entsteht durch die Schauspieler sowie durch die Kamera. Das Schauspielen ist auch im Theater zentrales Element, doch gibt es einen wesentlichen Unterschied. Der Filmschauspieler hat mehr Spielraum, da man eine Einstellung mehrmals filmen kann. Allerdings werden bei Film-Nahaufnahmen auch alle Nuancen des Gesichtsausdrucks erfasst, was im Theater nicht der Fall ist. Hier muss also mit großer Aufmerksamkeit gearbeitet werden.

Bewegung und Licht sind für die Kamera von höchster Bedeutung. David Bordwell, einer der bekanntesten Filmexperten, erklärt, dass das moderne Kino von einer sich ständig bewegenden Kamera charakterisiert ist, selbst bei ruhigen Szenen.

Licht kann auf vielerlei Weise eingesetzt werden, beispielsweise um eine spezielle Stimmung zu schaffen. So war der Einsatz von Schatten und Dunkelheit ein Merkmal des expressionistischen Films im Deutschland der 20er-Jahre, oder jüngst in vielen Filmen von Tim Burton.

(Ton und Zeit)

Ton spielt im Film eine entscheidende Rolle, und wird eingesetzt, um Informationen über den Ort einer Szene zu geben, um die Handlung voranzubringen, um uns über die Filmfiguren zu informieren, oder in uns eine spezifische Stimmung zu erzeugen. Stammt der Ton direkt aus der Filmhandlung (Dialoge, Tür wird zugeschlagen, Schritte), so spricht man von diegetischem Ton. Extradiegetischer Ton hingegen entstammt nicht der erzählten Welt, beispielsweise die Filmmusik.

Zeit ist wohl das Filmelement schlechthin. Der russische Filmemacher Andrei Tarkowsky beschrieb das Filmemachen als „Bildhauerei aus Zeit“. Diese Bildhauerei geschieht beim Filmschnitt, bei dem verschiedene Einstellungen zu einer Filmsequenz zusammengeschnitten werden. Filmemacher können hierbei die Zeit komprimieren, und somit Geschichten erzählen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken als die Filmdauer selbst. Durch den Schnitt kann ein Film mehrere Tage im Leben vieler Filmfiguren abdecken (Crash), oder viele Jahre im Leben einer einzelnen Filmfigur (Citizen Kane) oder gar 3000 Jahre in Leben vieler Geschöpfe (Der Herr der Ringe).

Oft müssen Filmemacher kreative Lösungen finden, um einen zeitlichen Übergang auf der Leinwand darzustellen. Ein traditioneller Kunstgriff ist die Darstellung eines Kalenders, oder Bilder der vier Jahreszeiten. Es gibt auch gewagtere Beispiele, wie in Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum. Ein Knochen, den zu prähistorischer Zeit ein Menschenaffen in die Luft wirft, wird mit der nächsten Einstellung zusammengeschnitten: ein Atomwaffensatellit ähnlicher Form, der im Weltraum schwebt. So werden zwei Waffen, die 4 Millionen Jahre voneinander entfernt sind, durch die Macht der Filmkunst zusammengefügt.

Das von Scorsese zuletzt genannte Element, das “Auge des Zuschauers” bezieht sich auf den Beitrag, den der Zuschauer inmitten all der Filmschnitte leistet. Was bewirkt es in uns, wenn Kubrick uns 4 Millionen Jahre innerhalb einer Sekunde erleben lässt, indem er zwei Bilder zusammenschneidet? Viele Experten vertreten die Meinung, dass ein Film nicht vollendet ist, bevor er nicht vom Publikum gesehen wurde. Denn erst wir, das Publikum, geben ihm seine endgültige Bedeutung, unsere Interpretation, die von unserer eigenen persönlichen Erfahrung abhängt Denn, wie der französische Filmemacher Jean Luc Goddard einst erklärte: Der Film ist nicht in der Kamera, oder auf der Leinwand. Er befindet sich im Zwischenraum, wo wir (die Zuschauer) sind.

Kurz: Wir sehen Filme nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.

 

Produktionspartner: University of Roehampton http://www.roehampton.ac.uk/home/
Sprechtalente: Dirk Ploenissen, Linda Christine Hermes
Musik: Bensound – Brazilsamba (Composed and performed by Bensound http://www.bensound.com)

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